Als junger Mensch hat mich eine einfache, fast kindliche Frage nicht losgelassen: Wie kann auf diesem Planeten – auf diesem Erdklumpen im All – etwas wie Leben entstehen? Aus Staub. Aus Materie. Aus scheinbarer Unordnung.
Diese Frage hat mich nie verlassen. Sie hat nur ihre Form verändert.
Meine künstlerische Laufbahn begann in München, an der Zeichenschule Zeiler. Danach habe ich als Layouter für Magazine gearbeitet, eine eigene Agentur gegründet und zwanzig Jahre lang angehenden Produktdesignern Gestaltung und Zeichnen beigebracht.
Und bei allem, was ich getan habe, war da diese eine Frage:
Wie entsteht aus einer leeren Fläche
eine Gestalt?
Wie bildet sich aus Linien eine Ordnung?
Rückblickend haben mich drei Sätze ein Leben lang begleitet. Damals hätte ich das nicht so benennen können. Aber heute sehe ich: Sie waren immer Ausdruck der Fragen, die mich beschäftigt haben.
Nietzsche spricht davon, dass man Chaos in sich tragen müsse, um „einen tanzenden Stern gebären" zu können.
Chaos war für mich lange etwas, das man überwinden muss. Beim Layouten. Beim Unterrichten. Beim Zeichnen. Bis ich begriffen habe: Chaos ist nicht das Gegenteil von Ordnung. Es ist ihr Ursprung.
Eine Zeichnung beginnt nicht mit Gewissheit. Sie beginnt mit Suchbewegungen. Mit Linien, die noch keinen festen Platz haben. Mit Unsicherheit. Ich kenne das aus meiner eigenen Praxis – und ich sehe es bei meinen Schülern, wenn die Hand zögert und nervös radiert wird, weil es „noch nicht richtig" aussieht.
Der erste Schritt ist nicht, schneller zu korrigieren. Sondern länger zu schauen.
Schnee plant nicht. Er fällt. Und dennoch entsteht etwas – eine natürliche Ordnung, ungeplant, aus dem Chaos heraus.
Dieses Bild beschreibt für mich, was beim Zeichnen passiert, wenn ich aufhöre zu kontrollieren. Wenn ich beobachte statt zu steuern. Dann fügt sich etwas. Formen treten hervor. Zusammenhänge werden sichtbar – nicht weil ich sie erzwinge, sondern weil ich sie zulasse.
Das habe ich nicht in der Ausbildung gelernt. Das habe ich über Jahre am eigenen Zeichentisch begriffen. Und es ist das, was meine Schüler am meisten überrascht: Dass Zeichnen weniger mit Talent zu tun hat und mehr mit Aufmerksamkeit.
Chaos und Ordnung, Suchen und Finden – bis hierher bewegt sich alles noch im Äußeren. Wie Materie sich formt. Wie Strukturen entstehen. Fast mechanisch.
Aber Paul Klee geht einen Schritt weiter. Kunst macht nicht nur Formen sichtbar. Sie macht sichtbar, was dahinterliegt. Eine Stimmung. Eine Haltung. Ein Innenleben.
Und das ist für mich die eigentliche Krönung dieser Entstehungsgeschichte: Aus Materie wird nicht nur Leben – es entsteht etwas, das fühlt, deutet, Bedeutung gibt. Auf einem Planeten voller Staub entwickelt sich ein Wesen, das hinschaut und fragt: Was sehe ich da eigentlich?
Genau das passiert auch beim Zeichnen. Eine Linie ist erst nur Graphit auf Papier. Aber irgendwann zeigt sie mehr als eine Form – sie zeigt, wie jemand gesehen hat.
Zeichnen ist kein Talenttest. Es ist eine Schule der Aufmerksamkeit.
Und die beginnt mit einer einzigen Frage: Was sehe ich wirklich – und was übersehe ich?