Motiv bleibt weiterhin das halbverhüllte Gesicht einer alten Frau. Sichtbar sind vor allem Augen, Nasenrücken und ein Teil der Wangen. Der Mund verschwindet unter dem Stoff. Dadurch konzentriert sich fast die gesamte Aufmerksamkeit auf die Augenpartie.
Im ersten Versuch bleibe ich erneut bei den Augen. Sobald ich einmal rund um die Form gearbeitet habe und wieder neu ansetzen muss, entsteht ein Impuls: Ich möchte auf das Blatt schauen, um „an der richtigen Stelle" weiterzumachen. Offenbar sucht das Gehirn sofort Orientierung im bereits Gezeichneten.
Während ich länger beobachte, entdecke ich etwas Neues. Rund um die Augen liegen kleine dunkle Pigmente – vermutlich Reste von Kajal. Ein Teil der Dunkelheit entsteht also nicht nur durch Schatten, sondern durch tatsächliche Farbreste auf der Haut.
Die Augen werden immer mehr zu einer eigenen Landschaft. Falten, kleine Vertiefungen, Übergänge zwischen hellen und dunklen Bereichen. Dagegen wirken die Wangen relativ ruhig und gespannt. Dort liegt eine gleichmäßigere Fläche mit einer warmen Färbung.
Während ich arbeite, entsteht ein neues Bedürfnis: Ich möchte größer zeichnen. Das Format erscheint plötzlich zu klein für die vielen Richtungswechsel und Formen, die im Augenbereich entstehen. Wenn ich zu lange auf kleiner Fläche arbeite, beginnt die Zeichnung sich selbst zu überdecken. Mehr Raum würde dem Motiv erlauben zu atmen.
Im zweiten Versuch nutze ich stärker die Breite des Blattes. Dabei verändert sich meine Wahrnehmung. Ich folge nicht mehr einzelnen Linien, sondern versuche die Formen der Augenpartie als Ganzes zu erfassen. Linien verlieren an Bedeutung. Wichtiger wird das räumliche Gefühl der Formen – kleine Vertiefungen, Wölbungen und Übergänge zwischen den Flächen.
Der Stift folgt zunehmend dieser Form. Ich halte ihn öfter schräg, wodurch breitere Spuren entstehen. Die Zeichnung bewegt sich damit von der Kontur in Richtung Fläche.
Im dritten Versuch zeichne ich schneller. Ich versuche weiterhin, den Formen zu folgen – fast so, als würde der Stift über die Oberfläche der Augenpartie streichen.
Dabei taucht ein neuer Aspekt auf: Sinnlichkeit. Die Formen des Gesichts – Vertiefungen, Vorsprünge, kleine Wölbungen – fühlen sich beim Zeichnen beinahe körperlich an. Der Stift folgt diesen Bewegungen wie einer tastenden Bewegung über die Oberfläche.
Gleichzeitig entsteht eine leichte Spannung. Ich spüre den Wunsch, diese Formen genauer zu greifen oder festzuhalten.
Die Untersuchung verschiebt sich damit leicht. Es geht nicht mehr nur um Verdichtung durch Aufmerksamkeit, sondern auch um eine andere Art des Zeichnens: eine Bewegung entlang der Formen statt entlang der Linien.