Reflexion

Die doppelte Natur der Linie

Eine Linie scheint im Zeichnen etwas sehr Einfaches zu sein. Sie umreißt ein Objekt. Doch sobald man beginnt, mit Gegenformen zu arbeiten, verändert sich diese Sichtweise grundlegend.

Platzhalterbild zum Thema Gegenform und Linie
Gegenform-Studie, Platzhalterbild

Eine Linie gehört immer zwei Formen

Beim Zeichnen denkt man zunächst: Eine Linie beschreibt ein Objekt.

Sie umreißt einen Felsen, einen Baum, ein Gesicht.

Doch sobald man beginnt, mit Gegenformen zu arbeiten, zeigt sich etwas anderes.

Eine Linie trennt immer zwei Dinge:

  • eine Objektform
  • eine Gegenform

Die Linie gehört deshalb beiden gleichzeitig.

Sie ist nicht nur die Grenze eines Objekts. Sie ist gleichzeitig auch die Grenze einer anderen Fläche.

Eine Linie ist also niemals nur Kontur. Sie ist immer eine Beziehung zwischen zwei Formen.

Gegenformen erscheinen als Flächen

Wenn man beginnt, Gegenformen bewusst zu zeichnen, fällt eine weitere Besonderheit auf.

Gegenformen erscheinen selten als Körper im Raum.

Sie wirken eher wie:

  • Bildflächen
  • Silhouetten
  • Öffnungen im Bild

Sie liegen gewissermaßen parallel zur Blickrichtung des Betrachters.

Gerade darin liegt auch eine Schwierigkeit für Anfänger. Viele sehen zunächst nur die Objekte. Wenn dann die Aufgabe kommt, nicht die Objektform, sondern die Gegenform zu zeichnen, entsteht oft Verwirrung: Hier Form, dort Fläche.

Diese Unterscheidung ist vielen zunächst gar nicht bewusst.

Versucht man, eine Gegenform räumlich zu denken, kippt die Wahrnehmung schnell zurück zum Objekt.

Der Grund liegt darin, dass Gegenformen zunächst als zweidimensionale Flächen erscheinen.

Erst später – durch Tonwerte, Überlagerungen oder Liniengewicht – kann daraus eine räumliche Wirkung entstehen.

Mehr dazu im Wiki: Symbolzeichnen

Vom Objekt zur Beziehung der Flächen

Sobald man beginnt, Gegenformen wahrzunehmen, verschiebt sich der Fokus beim Zeichnen.

Es geht weniger darum, ein Objekt korrekt zu beschreiben.

Wichtiger wird die Beziehung zwischen den Flächen im Bild.

Die Linie ist dann nicht mehr nur die Kontur eines Gegenstandes.

Sie wird zur Grenze zweier Formen, die sich gegenseitig definieren.

Wer diese doppelte Natur der Linie erkennt, zeichnet nicht mehr nur Dinge.

Er beginnt, Flächen und Beziehungen im Bild zu sehen.

Weiterführend

Der theoretische Hintergrund zur Gegenform wird im Wiki ausführlich erklärt.

Wiki: Gegenform – Die Flächen zwischen den Dingen

Die Beobachtungen aus dem Atelier, aus denen dieser Artikel entstanden ist, finden sich in den Atelier-Notizen.

Atelier-Notiz: Negativraum / Gegenform